Die DDR und ihre Schriftsteller - Anna Seghers 1974
Die Deutsche Demokratische Republik begann für mich, wenn es mir auch noch nicht bewußt war, bereits im Winter 46 auf 47. Ich war zu Schiff aus Mexiko nach Schweden gekommen mit mexikanischem Paß und schwedischem Visum. In Stockholm wartete ich auf die Einreisegenehmigung in den von der Sowjetarmee besetzten Teil Deutschlands …
“Die Deutsche Demokratische Republik begann für mich, wenn es mir auch noch nicht bewußt war, bereits im Winter 46 auf 47. Ich war zu Schiff aus Mexiko nach Schweden gekommen mit mexikanischem Paß und schwedischem Visum. In Stockholm wartete ich auf die Einreisegenehmigung in den von der Sowjetarmee besetzten Teil Deutschlands.
Ich muß gestehen, ich war in Schweden zuerst glücklich über den lang entbehrten Winter, über den Schnee, der alles in weiß einhüllte. Ich gab mir noch keine Rechenschaft darüber, daß daheim der Schneesturm manches Lebensfünkchen ausblies, das nach dem Krieg noch glimmte. Manche Scheibe sprang durch den Frost in dem Fenster eines Ruinenzimmers. -
Ich horchte auf die Nachrichten hin- und herfahrender deutscher Genossen. Sie brachten nicht nur gute Nachrichten, wie um mich vorzubereiten auf die Aufgabe, die ich mit lösen wollte: das Innere der Menschen verändern, das so zerbrochen war wie die Städte, in denen sie wohnten.
Man brachte mir meinen frisch erschienen Roman Das siebte Kreuz, denn der Aufbau-Verlag existierte bereits.
Vielleicht waren die Überbringer verwundert, daß ich nicht so erstaunt war, wie sie erwartet hatten; ich war eher nachdenklich, nicht etwa, weil der Roman bereits in Mexiko durch beharrliche gemeinsame Arbeit auf deutsch erschienen war, und auch nicht, weil er viele Auflagen in den Vereinigten Staaten hatte. Es ging mir durch den Kopf, daß jetzt unsere Bücher die Leser bekamen, für die sie vor allem bestimmt waren.. Unerschütterlich, tief, fast unerklärlich war unsere Überzeugung geblieben, daß dieser Zeitpunkt unbedingt kommen mußte. Obwohl die Wehrmacht schon unterwegs nach Paris war, als ich die Arbeit am Siebten Kreuz abschloß. Und auch, als der Krieg bis Moskau vordrang. Und in das Donezbecken. Keinen Augenblick hatten meine Freunde und ich die Überzeugung verloren, daß unsere in Leid und Mühsal entstandenen Bücher daheim die deutschen Leser finden würden.
Entschuldigt, daß ich soviel von mir schreibe und von meinem Beruf. Ich muß es, wenn diese Darstellung wahrhaftig sein soll. Man gab mir das Einreisevisum. Was später „kalter Krieg“ hieß, fröstelte damals schon da und dort, war aber noch nicht richtig ausgebrochen. In meinem Fall genügte das Visum für eine der vier Besatzungszonen, um die Einreisegenehmigung nach Berlin von den drei anderen Alliierten zu erhalten. Der junge Kontrolloffizier sagte lachend, das russische Visum betrachtend: „Ich verstehe zwar keine Spur von dieser Schrift, denke aber, es wird schon stimmen.“ Er war noch nicht verhärtet, noch nicht erbost.
Ich kam in Berlin in einem Villenvorort an. Er war mit hoher Einquartierung bestraft, weil die Bewohner sich geweigert hatten, Flüchtlinge,die überall in Gruppen auf der Straße lagen, in ihre sauberen Villen aufzunehmen.
Nach wenigen Untergrundbahnstationen begann die Einöde, das zerbombte Berlin. Die Straßen erkannte ich nicht wieder. Man mußte über Trümmer zur anderen Seite steigen. Nachts träumte ich in dem Zimmer, das man Freunden und mir beschafft hatte, von den verwirrenden Ausgrabungen neben der mexikanischen Stadt Oaxaca. Als ich morgens hinaussah, lagen keine Ruinen von Tempeln vor mir, sondern Ruinen menschlicher Wohnungen, Schutt und Trümmer.
Ich glaube, es war schon an diesem Morgen, als es kräftig an unsere Tür klopfte. Wilhelm Pieck sagte lächelnd: „Jetzt seid ihr also daheim. Wir brauchen euch. Wir brauchen jede Hilfe.“
Ein völlig anderes fröhliches Zusammentreffen erlebte ich in derselben Woche, als ich mir durch die Trümmer einen Pfad zum Kulturbund suchte. Da rief eine Frau: „Netty!“ - das war mein Mädchenname. Mit dem Kulturbund, den es seit kurzem gab, hatte die Frau nichts zu tun. Sie räumte mit vielen anderen den Schutt als Trümmerfrau auf; für diese Arbeit bekam sie, erklärte sie mir, eine höhere Lebensmittelkarte. Zuerst fragte sie: „Du bist doch die Netty aus Mainz? Wir sind in dieselbe Schule gegangen, ich eine Klasse höher. Erinnerst du dich?“ Wir schwatzten ein wenig zwischen den geborstenen Mauern, mitten in Leid und Ruinen, über Schule und Lehrer. Ich habe die Frau nie mehr wiedergesehen.
Im Kulturbund traf ich viele neue und altbekannte Gesichter. Greta Kuckhoff, Günther Weisenborn, Berta Waterstradt. Sie hatten tapfer gegen die Nazis gekämpft und halfen jetzt als Künstler oder in anderen Berufen, die Stumpfen aufzurütteln. Das Aufrütteln ging nie ohne Schmerzen und Zweifel vor sich. Sowjetkulturoffizieren glaubten damals, vielleicht viel stärker als wir, an die Kraft der Veränderung. Wie grausam auch ihr eigenes Volk von diesem Volk heimgesucht worden war.
Mit sowjetischer Hilfe waren zuerst Verlage, Theater, Bibliotheken entstanden. Der Aufbau-Verlag war bereits im August 1945 gegründet worden. Auf Anweisung der SMA. Zu seinen ersten Veröffentlichungen gehörten: Bechers Ausgewählte Gedichte, Scharrers Maulwürfe und Heinrich Heines Deutschland ein Wintermärchen.
Viel später erzählte mir ein junger Mensch, er sei trostlos und ratlos aus der Wehrmacht nach Berlin gekommen, und nur, weil er Lust auf Helles und Warmes hatte, sei er abends in ein Theater gegangen. Man gab Nathan der Weise. So etwas hatte er nie in seiner Nazi-Jugend gekostet. Er verließ das Theater ganz verstört. Er begann nachzudenken.
Die Schulen mußten von Grund auf verändert werden, in denn man solchen wie ihm die faschistischen Lügen beigebracht hatte. Ich ging in eine Klasse, die in einem zerbombten Haus provisorisch eingerichtet war. Fröstelnd und hungrig lernte da ein Haufen Jungens. Jeder hatte zu Mittag nur ein Stück Brot. Sie stellten mir eine seltsame Frage – wenigstens fand ich sie damals seltsam: „Was sagt man im Ausland über uns, die Jugend in Deutschland?“ - „Was habt ihr über die Jugend der anderen Länder gesagt, al die Wehrmacht über sie herfiel?“ Verwunderung. Schweigen. Ja, aber dieselben Knaben bereiteten sich eifrig auf ihre Prüfungen vor. Doch was sie lernten, hing von den Lehrern ab. Die meisten Lehrer waren noch immer im Nazismus verwurzelt.
In der Erzählung Bozenna zeigt Günter de Bruyn einen Pimpf in Polen, der vor den Augen seiner Gruppe naiv, aus Hilfsbereitschaft, einer alten jüdischen Frau auf der Straße hilft, ihr Zeug in den umgekippten Korb zu sammeln. Dafür wird er dann von Lehrer und Klasse in Acht und Bann getan. - In den Betrieben wurde damals noch oft Schrott und Kohle in Handwagen zu unversehrt geblieben Hochöfen gefahren. Es heißt in Kubas Gesicht: „Doch nach den Kriegen folgte jene Zeit der Wettbewerbe, und die Zeit der Wettbewerbe war der Anbeginn.“ Aber Hennecke war zuerst nur ein einzelner, und er wurde von vielen ausgelacht. Spöttisch, unverständig wurden zuerst die Menschen an unserer Seite angesehen, über die Claudius schrieb.
Ich lag ungefähr 1950 wegen irgendeiner Verletzung im Krankenhaus. Die Krankenschwester sagte erbittert: „Was ist das schon für ein Beruf für mich? Ich wollte Medizin studieren und Ärztin werden. Nun habe ich das Pech, aus einer Offiziersfamilie zu stammen. Ich wurde zum Studium nicht zugelassen. Es gibt keine Freiheit mehr.“
Ein junges Mädchen räumte am selben Tag das Zimmer auf. Sie erzählte: „Ich werde bald Hilfsschwester sein, denn regelmäßig besuche ich abends Lehrgänge. Die geben uns ein paar Ärzte. Die sind mit mir zufrieden. Dann kann ich bald richtige Krankenschwester werden. Ich darf bald eine Schwesternhaube tragen. Die Ärzte sagen, als Krankenschwester kann ich auch abends Lehrgänge besuchen. Und wenn ich genug weiß, Medizin studieren. Jetzt gibt es hier bei uns wirklich Freiheit.“
Um mir eine Maschine zu erklären, führte mich ein junger Arbeiter in seinen Betrieb. „Wir müssen pünktlich ankommen. Die Fabrik, die ist jetzt unsere eigene.“ - Gewiß, auch er war noch ein einzelner. Wir mußten uns durch mürrische, mit Gott und der Welt hadernde Menschen drängen.
Die Deutsche Demokratische Republik ist gegründet worden für das Zimmermädchen im Krankenhaus, das sicher längs Ärztin ist, und für den jungen Menschen, der nicht nur hofft, sondern weiß, daß die Fabrik jetzt ihm gehört. Sie ist für die Bäuerin gegründet, die früher auf dem Gutshof diente und dann stolz war auf ihr eigenes Haus in der LPG und ihre ordentlich gekleideten Kinder. - Ihr Mann war frühzeitig Traktorist in der MTS. Die wurde verachtet von den altansässigen Bauern, die stolz auf ihre eigenen Landmaschinen waren und Witze rissen über die Habenichtse, die sich reihum den Traktor liehen.
In Westdeutschland, in der BRD, rührte man nicht an dem Boden der Gutsbesitzer. Die Krupp und IG Farben und all die großen Unternehmer behielten ihre Fabriken. Wer enteignet war in der DDR und wem hier das umgestaltete Leben mißfiel und an seiner Umgestaltung nicht mitarbeiten konnte oder wollte, wurde im Westen gern aufgenommen.
Der Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsordnungen war durchaus nicht jedem klar. Mancher Arbeiter sagte am Anfang: „Ob ich schwitzen muß bei dem, was ihr Wettbewerb nennt, ob einer mit einer Stoppuhr hinter mir steht und meine Schnelligkeit mißt, was macht den Unterschied?“
Doch schon das Enttrümmern war verschieden in den beiden Teilen Deutschlands. Im Sowjertsektor half eine Menge Menschen aus allen möglichen Berufen in freien Stunden, damit neue Häuser entstehen konnten aus den noch brauchbaren Steinen der Ruinen. Sie standen in Ketten an, einer reichte die Steine dem anderen. Dabei bemerkte einer meiner Bekannten, wie eine junge Frau, die nicht mittat, nachdenklich zusah. Sie trat später an ihn heran und fragte, ob diese Arbeit wirklich unbezahlt und freiwillig sei, wie man behauptet hätte. „Ja, freiwillig.“ Die Frau sah öfters lange zu mit nachdenklichem Gesicht. Sie trat schließlich
an den Gefragten heran und bat ihn, ihr einen Rat zu geben. - Zu seiner Verwunderung erzählte sie dann irgendeine Familiensorge, die mit der Enttrümmerung nicht das geringste zu tun hatte. Sie erklärte ihm: „Ich bin allein auf der Welt, ich habe niemand, der mir jetzt ehrlich rät. Ich sah hier oft zu. Wenn einer wirklich selbstlos ist, wie Sie, dann wird er mir, meine ich, in meiner Sache selbstlos raten.“
Es war keine „Selbstlosigkeit“, die die ersten Brigaden anspornte, sondern die Erfahrung, daß eine bessere, raschere Arbeit dem einzelnen ein besseres Leben brachte. Und diese Erfahrung verlangte Zeit.
Man wandte sich oft an die Schriftsteller: „Warum zeigt ihr nicht in euren Büchern dies neue, veränderte Leben?“ - Wenn auch mancher versuchte, die ihn umgebende, sich immerfort, immer rascher ändernde Wirklichkeit darzustellen, viele wurden durch ihre Begabung und Phantasie genötigt, niederzuschreiben, was sie Jahre hindurch gequält, aufrecht gehalten, gefreut hatte. Denn erst niedergeschrieben, kam es ihnen abgeschlossen, vollständig überstanden vor. Solche Bücher konnten stark auf die Arbeitskraft einwirken, nicht nur die genaue Darstellung des Arbeitsprozesses selbst.. Beide Notwendigkeiten gab es und gibt es noch heute. Es entstanden Erzählungen aus der Emigration, aus der Sowjetunion, aus Frankreich, aus Mexiko, aus dem spanischen Krieg, immer mit dem Gefühl, daß die Mitmenschen erfahren sollten und wollten, was der andere hinter sich hatte. Das waren nicht nur Ereignisse in fremden Ländern, es war auch eine harte Jugend, ein so oder so überstandenes Leben, das die Heimkehrer in ein besseres erzählten. Ob der Betreffende Strittmatter hieß oder Noll oder Claudius, oder wer immer, es waren Abenteuer aus schweren, gefährlichen Fahrten, harte Kämpfe, die der Betreffende sich vom Leibe schrieb.
Johannes R. Becher verstand sofort die Notwendigkeit und auch die Möglichkeit des Veränderns gerade der jungen Menschen. Ich hörte ihn noch, wie er sich abmühte bei einem Vortrag im Kulturbund, seinen antifaschistischen Zuhörern klar zu machen, daß diese Jungen den Irrglauben, in dem sie erzogen waren, nicht im Nu aufgeben würden, sondern langsam, mit unserer Hilfe.
Nicht nur Schreiben gehörte zu unserem Beruf, auch Vorträge und eindringliches Erklären.
Weiskopf und Fürnberg waren zu uns gestoßen. Bert Brecht kam. Mutter Courage und Galilei wurden aufgeführt. Man gab ihm ein eigenes Theater, das Berliner Ensemble, das bald auc in anderen Ländern zeigte, was die junge Republik war und was sie werden wollte.
Unsere Zeit? Und wie! Vom Dreißigjährigen Krieg in den zweiten Weltkrieg zieht überall die Mutter Courage. In Galilei steckt eine Frage, die alle Zeiten betrifft. In Skandinavien hat Brecht viel gehört über Niels Bohr und seine Forschungen. Man denkt an die Nutzung der Atomenergie zum Guten oder zum Bösen. Man denkt an Hiroshima. Brechts Stück wird zu einer dramatischen Begleitung des Stockholmer Apells.
Es waren sicher nicht nur veränderte, neue Menschen, die neue Betriebe aufbauten und in Gang brachten, viele wollten einfach verdienen. Viele hatten das alte Leben in sich bewahrt – wie Diener zweier Herren – aus der Zeit, in der die großen Werke den Besitzern gehört hatten, die jetzt in der Bundesrepublik ihre Fabriken neu aufbauten.
Zu Beginn blieb manchem die Einsicht verschlossen in die Gesetze des ungewohnten Lebens, manche lernten langsam, mit viel „Wenn“ und „Aber“ dieses und jenes verstehen. Einige begriffen es fast plötzlich. Andere stellten sich, als ob sie dazu gehörten, und sie gehörten schließlich nach Zweifeln und Grübel wirklich dazu. Ich habe versucht, in meiner Novelle Der Mann und sein Name ein Beispiel zu schildern.“
In einem Betrieb, in dem man mir etwas erklärte, schimpfte ein junger Mensch über die unnützen Handgriffe, die seine veraltete Maschine erforderte. Als man antwortete: „Zeichne mal auf, wie du es dir vorstellst“, saß er bald über seinem Entwurf. Der wurde angenommen, wurde bezahlt. Sicher aus Freude am Verdienst, aber auch aus dem gefühl, hier gebraucht zu werden, hörte der Junge auf zu schimpfen und zu grollen.
Seit der Währungsreform waren die westlichen Schaufenster verlockend wie Zaberbuden. Das Kaufhaus des Westens war ein Sesam-öffne-dich für jeden, der Westmark oder sogar nur Westpfennige hatte. In unserem Teil von Berlin „war die Arbeit das Wunderbare“, wie der Ingenieur Riedl es ausdrückt in dem Roman Das Vertrauen. Für viele aber war dieses Wunder, war diese neue, herrenlose Art Arbeit noch nebelhaft. Im Westen diente schon eine kleine bezahlte Arbeit zu verlockenden Einkäufen von Schuhen bis Heringen.
Die Bauern, die es zu beträchtlichen Erträgen gebracht hatten auf ihrem Stück ehemaliger Gutsherrenerde, wurden ermuntert, sich mit den Nachbarn zusammenzutun zu Produktionsgenossenschaften.
Facharbeiter, Handwerker, alle Art von Berufen wurden bereits ausgebildet in Lehrwerkstätten, Schulen, Hochschulen, Abendschulen. Manche sahen nicht ein, was die erlernten Berufe mit dem Land, in dem sie lebten, zu tun hatten. Ein paar Stunden weiter weg konnten sie mehr verdienen, und sie wechselten ihr Land
und ihre Ideen.
Im März 53 war Stalin gestorben. Wer das Wachsen des jungen Staates mißtrauisch angesehen hatte, glaubte, nun sei die Bresche da, durch die man sich Luft machen konnte. Dann kam der 17. Juni 1953. Zu was manche mißbraucht werden konnten, zeigt Stephan Hermlin in seiner scharfen Novelle Die Kommandeuse. Die Frau, die unter den Nazis Aufseherin in einem Konzentrationslager gewesen war, in dem sie dutzende Frauen und Mädchen gepeinigt hatte, saß jetzt bei uns deshalb im Zuchthaus. Als sie den Krach in der Stadt hört, glaubt sie, nun sei ihre „Freiheit“ gekommen. Nur ein kleiner Teil der Menschen, die das Zuchthaus stürmten, ahnte, wen sie befreien sollten.
Wodurch entstand im einzelnen Menschen, auch in der Belegschaft einzelner großer Betriebe die Einsicht, was dieser „Umsturz“ bedeutete?
Ich ging eine Woche später mit Kuba zum Bau der Staatsoper, die neu errichtet wurde. Die Leute waren immer noch heftig erregt. „Der da hat uns beschworen, an der Demonstration nicht teilzunehmen“, sagte einer. „Der da“, das war ein junger Brigadeleiter. Er hatte sicher noch keine großen Erfahrungen, und er hatte wenig gelesen, aber er wußte, warum er seine Leute zurückhielt von der verführerischen, trügerischen Demonstration, und er hatte die Kraft, sie zurückzuhalten. Ich habe in meinem Roman Das Vertrauen versucht, Menschen in seiner Lage darzustellen.
Die Republik war an diesem 17. Juni nicht zusammengebrochen, wie ihre Gegener geweissagt hatten, sie wurde stärker. Sie hatte dazugelernt. Die Haltung der Menschen war klarer geworden. Klargeworden das „Wer für wen?“
Der kalte Krieg richtete seine Geschütze auf jede schwache Stelle in der sozialistischen Festung; denn eine Festung war die Deutsche Demokratische Republik geworden, nicht etwa, weil sie ohne Mängel war, sondern trotz aller Mängel. Wie das offen gezeigt wird, gefällt mir an dem Roman Ole Bienkopp. Es zeugt für die Kraft der sozialistischen Idee, daß die Menschen, obwohl sie über manche Vorkommnisse grübelten und auch zweifelten, sich auf den Sozialismus zu veränderten, ohne es selbst zu merken.
Es kam oft zu strittigen Entscheidungen. Oft war etwas Positives die letzte Ursache. Viel mehr Anwärter meldeten sich, als es Material und Lehrer für die gewünschten Berufe gab. Große Verantwortung haben bereits die Lehrer, die die richtige Auswahl treffen müssen bei der Bewertung, bei der Versetzung und dann bei der Berufsberatung. Das Schulsystem selbst, sein Aufbau und seine Durchführung, wird sogar von vielen Pädagogen der kapitalistischen Länder anerkannt.
Felsenstein, der Direktor der Komischen Oper, hat während der Arbeiterfestspiele schon vor Jahren errechnet, daß nur ein winziger Bruchteil der Besucher je vorher in seinem Leben in einer Oper war. Nun ist Musik kein Kennzeichen von Sozialismus, aber sie verschönert das Leben, gibt den Menschen Kraft, wie sie der Sozialismus zum Aufbau braucht. Das gilt für alle Theater, für alle Art Schulen, für Bibliotheken, Museen, Sporthallen.
Als man afrikansiche Studenten fragte: „Ist es wahr, daß es in der DDR keinen Rassismus gibt?“, erwiderte einer: „Sicher, es gibt auch hier noch manchmal Rassenvorurteile. Aber wer sie hier hat, der ist auch gegen den Staat selbst.“ - Mir gefällt es, daß man diese Antwort hier in der DDR gab.
Was die Schriftsteller schrieben und schreiben, hat nicht immer mit der DDR zu tun. Ihr Leben fordert sie auf zu Vergleichen mit bereits Erlebtem, mit Erinnerungen. Ob ein Vorfall, der eine bestimmte Periode kennzeichnet, sofort gestaltet wird oder erst nach Jahren, dafür gibt es meines Erachtens kein Gesetz. Fühmann mußte eines Tages erzählen, was ihm als Kind und später als Soldat in der Wehrmacht widerfuhr. Manchmal schrieb er auch sofort, was er hier oder auf einer Reise erlebt hat.
Es gibt für die Schriftsteller keine Zeitabgrenzungen. Der geteilte Himmel von Christa Wolf wurde etwa zwei Jahre vor dem 13. August 1961 zu schreiben begonnen.-
Es waren nicht nur die verlockenden, bunten Waren, die im Westen die Gemüter gewaltig anzogen. Kalter Krieg, dieser Ausdruck hatte einen anderen, „sich absetzen“, in die Umgangssprache hineingeschmuggelt. Gruppenweise waren die Angehörigen bestimmter Berufe nach Westberlin „abgeworben“ worden. Fehlte zum Beispiel plötzlich an Gärtnern oder an Tischlern oder an Ärzten. Da zeigte sich erst richtig der Charakter eines Arztes in einer mittleren Stadt, der damit drohte, sich „abzusetzen“, wen n sein Sohn nicht zum Abitur zugelassen wird.
Hell hebt sich von den kalten Kriegern und ihren Helfershelfern die Gestalt des Mädchens ab, das durch eine List von den Eltern nach Westberlin gelockt wurde und später aus einer westdeutschen Stadt seinem ehemaligen Lehrer und seine ehemaligen Mitschülern um Hilfe schrieb und sich dann eines Tages mit
gespartem Taschengeld in den Zug setzte, der sie nach allerlei Zwischenfällen zurückführte.
Es war ihre Umwelt in der DDR, vor allem die Schule, in diesem Fall sicher eine gute Schule, es wr das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und zwischen den Schülern untereinander, was dieses Mädchen in der BRD verzweifelt entbehrte. Wie sie später selbst gesagt hat: „Zuerst war drüben nur Neugierde, dann Kälte und Gleichgültigkeit.“
Straff ging es zu in unserer Kulturpolitik, vor allem nach den Ereignissen in Prag und Ungarn. Auf einem Schriftstellertreffen, ich weiß nicht mehr, wann und wo, hat Erwin oder Eva Strittmatter ziemlich unbeachtet verlangt, was seitdem VIII. Parteitag klar wurde: Literatur und Kunst sollen nicht nur irgendein Anhängsel der wissenschaftlich-technischen Revolution sein, sondern in ihrer Eigenart helfen, das ganze Leben zu verbessern.
Trotz Straffheit schrieben viele, was sie zu schreiben das Bedürfnis hatten. Wie ich glaube, in dem richtigen Gefühl, daß es verstanden, ja sogar verlangt wird von den Menschen, mit denen sie lebten. All die Jahre, die inzwischen die Republik zurückgelegt hatte, waren bereits Durchlebtes, mit Gefahren und Bangnis und mit Freuden Überstandenes. Kant sieht zurück in der Aula und später im Impressum, und er findet, was er selbst und seine Freunde geworden sind auf ihren Fahrten nach dem neuen Leben. Oft wird gefragt, was anders sein könnte in unserer Literatur, ob sie sich und durch was unterscheidet von der Literatur in der BRD.
Das Zusammensein der Menschen hat in beiden deutschen Staaten eine andere Struktur angenommen. Sicher nicht jedem, aber sicher jedem aufrichtigen und zugleich nachdenklichen Menschen, ob er erwachsen ist oder so jung, daß er erst selbständig zu denken anfängt, ist ein besonderes Element im Leben wichtig. Von diesem jeweils Wesentlichen im einzelnen Menschen und in der Gesellschaft nährt sich und ändert sich die Kunst. Daraus erhält sie ihre Stoffe. Don Quichote wäre nicht möglich gewesen ohne das absterbende Rittertum, und Balzacs Romane wären nicht möglich gewesen ohne den entstehenden Kapitalismus. Die Streitfrage heißt nicht „besser“ oder „schlechter“, sondern „wodurch anders?“
Ich nehme an, daß ziemlich bekannte Schriftsteller in der BRD ebenso viele und seltsame Briefe von Lesern bekommen wie wir. Wahrscheinlich wird überall der Schriftsteller nicht nur als der Verfasser von Büchern betrachtet, die dem Leser etwas bedeuten, er ist auch da, um ihm zu beichten, um sich zu beschweren, um sich Klarheit in allen möglichen Lebensangelegenheiten zu verschaffen. In den Briefen, die ich im letzten Jahr erhielt, sieht man, wie tief bei uns der Internationalismus eingedrungen ist, der Wunsch, sich nicht nur um den anderen Menschen, auch um das andere Volk zu kümmern. Eine Frau teilt mir mit, sie sei seit kurzem daheim, nach der Geburt ihres dritten Kindes, doch sie müsse in einer freien Abendstunde ein Gedicht über Neruda schreiben. Irgendwo hat sie gelesen, daß Neruda mein Freund gewesen sei, darum schicke sie mir diesen Brief.
Die Ereignisse in Chile machten gerade auf die Jugend solchen Eindruck, die in ihrer Umgebung noch nie erlebt hat, was geschehen kann, wenn der Faschismus siegt.
Die Generation, die jetzt an die Reihe kommt, Arbeiter, Bauern, Wissenschaftler, Künstler, haben nichts von Krieg und Faschismus erlebt. Es ist aber Unsinn, anzunehmen, daß sie darum sorglos aufwachsen. Wenn wir auch froh über alles sind, was wir mit eigner Arbeit, manchmal mit Opfern erreichten, damit die junge Generation jetzt heranwachsen kann, sie hat andere Leiden und Sorgen, eine andere Art Opfer muß sie bringen, um richtig und gerecht weiterzuleben. Darüber wird sie selbst berichten. Sie versteht auch uns Alte besser, denn diese jungen Menschen sind ja bereits die, die Brecht um Nachsicht gebeten hat, weil viele von uns hart wurden in harten Zeiten.
Verzeiht, wenn ich einem eigenen, früher geschriebenen Satz ihrethalben etwas verändert hinzufüge: Was jetzt geschehen wird, wird ihnen geschehen. - Doch wir Schriftsteller haben daran unseren Anteil.”
Dieser Essay ist u.a. erschienen in: Die Kraft der Empfindlichkeit. Essays 1949-1990, Verlag Faber & Faber Leipzig 1998
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